Karfreitag

„Karfreitag ist der höchste Feiertag“, so habe ich es als Kind gelernt. An diesem Tag stand für mich die Welt einen Tag still. Der Karfreitag hatte etwas bedrückendes. Alle Geschäfte, Kinos, Kneipen geschlossen, Tanz-und Versammlungsverbot. Nicht einmal Freunde durfte man treffen, nicht einmal gemeinsam still sein – gemeinsam lachen schon gar nicht. Der Karfreitag meiner Kindheit war Stille.

Warum ist so ein bedrückender Tag der „höchste Feiertag der Christen“ habe ich mich damals immer gefragt?

Seit Wochen erleben wir diese bedrückende Karfreitagsstimmung. Alle Geschäfte, Kinos, Kneipen geschlossen, Tanz-und Versammlungsverbot. Nicht einmal Freunde darf man treffen. Keine Gottesdienste in unseren Kirchen.

Karfreitag – gekreuzigt – gestorben – begraben.

Jesus ruft am Kreuz „Mein Gott , mein Gott , warum hast du mich verlassen?“ Wer so schreit fühlt sich alleingelassen.
Wer kann ermessen, wie tief menschliches Leid geht? Jesus am Kreuz kann es und ist uns dadurch nahe in unserem eigenen Leid. Hilflos und voller Angst sehen wir, wie die Welt zur Zeit den Atem anhält.
Mit dem Karfreitag verknüpft sich die Frage nach der Gegenwart Gottes im Leid dieser Welt. Wir fragen dann: Gott , warum lässt du dieses Leid zu? Es gibt keine direkte Antwort. Im Kreuz steckt ein Antwort-Versuch: Das Kreuz verbindet Himmel und Erde – Gott und uns Menschen. Gott steht nicht neben dem Leid und auch nicht über dem Leid, Gott steht mitten drin. Durch seinen Sohn, unseren Bruder, der selbst durch dieses Leid der Welt geht.

Jesus ist am Kreuz nicht gescheitert, er hat die Sonne des Ostermorgens als erster aufgehen sehen. So wie Salvador Dali das in seinem Bild des Gekreuzigten darstellt.

Aus dieser Perspektive – aus dem Blickwinkel Gottes – sieht man, wie auf der Erde wieder die Sonne aufgeht.
Ist der Karfreitag der höchste Feiertag, wie ich es als Kind gelernt habe? Dieser traurige Tag ?
Als Konfirmandin wurde dieses düstere Empfinden des Karfreitags noch verstärkt. Der Gottesdienst war völlig anders als sonst. Keine Glocken, keine Orgel, keine Liturgie. Nur an diesem Tag im Jahr wurde in unserer Gemeinde Abendmahl gefeiert.
Ein Mitkonfirmand kippte Karfreitag in der Kirche um, da ihn das Leiden Jesu am Kreuz so sehr berührt hat. Er musste später sogar zu Hause konfirmiert werden, weil er jedes Mal umkippte, wenn er in der Kirche Jesus am Kreuz sah. Mein Mitkonfirmand schaute immer angstvoll von unten zum Kreuz hinauf. Salvador Dali lässt uns das Leid am Kreuz für einen Moment ausblenden. Der Anblick ist friedlich – erfüllt – vollendet.
Heute ist Karfreitag „ein hoher Feiertag“ aber nicht der höchste Feiertag.
Karfreitag mutet uns zu, den Augenblick der Traurigkeit über Gott und die Welt zuzulassen und anzunehmen – in der Gewissheit, dass das Kreuz nicht das Ende ist.

Uta Bartels

LIED-GEDANKEN

1) Dieses Kreuz, vor dem wir stehen, setzt ein Zeichen in die Welt, dass sich, auch wenn wir’s nicht sehen, Go es Geist zu uns gesellt, uns bestärkt in schweren Zeiten, trostvoll uns zur Seite steht, und bei allen Schwierigkeiten unsern Kreuzweg mit uns geht.
2) Dieses Kreuz, auf das wir sehen, es erinnert uns daran, wenn wir denken: wir vergehen, fallen wir in Gottes Hand. Solchen Grund kann niemand legen, niemand stieg so tief hinab, und am Ende aller Wege auferstand er aus dem Grab.
3) Dieses Kreuz will uns beleben, deutet in die Ewigkeit, und im Glauben spür’n wir eben einen Hauch Unendlichkeit. Nicht der Tod ist mehr das Ende, es geht weiter, ganz gewiss; und das Kreuz steht für die Wende, dass die Liebe stärker ist.
Clemens Bittlinger

GEBET aus Psalm 22
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ungehört verhallt mein Hilfeschrei.
„Mein Gott“, so rufe ich, doch nur Schweigen umgibt mich.
Unsere Väter riefen zu dir
und da sie hofften, wurden sie nicht entäuscht.
Aber du, Herr, sei nicht fern. Du bist meine Stärke, hilf mir eilends.