Ostern klingt nach – Erfahrungen mit dem so anderen Fest

1. Sonntag nach Ostern, den 19.4.2020

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Leser und Leserinnen im Internet!

Heute ist der erste Sonntag nach Ostern,  „Quasimodogeniti“ = wie die neugeborenen Kindlein, heißt er und erinnert an das neue Leben, das uns durch die Auferstehung Christi geschenkt ist. Wir befinden uns in der 50-tägigen Osterzeit, die bis zum Pfingstfest geht. Für mich persönlich hat das Osterfest dieses Jahr zwar stattgefunden, aber irgendwie kommt es mir so vor, als wäre ich in diesem Jahr nicht wirklich dabei gewesen. Er ist auferstanden, ja, aber er ist noch nicht wirklich bei mir angekommen, der Lebendige.

Deshalb ist es für mich in der vergangenen Woche wichtig gewesen, die Ostertage nachklingen zu lassen, in Telefonaten zu hören, wie andere diese Zeit verbracht haben – und auch selber diese so besonderen Erfahrungen auf mich wirken zu lassen. Also bin ich am Dienstag noch einmal in die Westerlinder Kirche gegangen, dort, wo ich am Ostersonntag saß und die Stille, die Sonne, den Raum und die Atmosphäre aufgenommen habe.

In einem Osterbrief hatte mein Mann, Matthias, die Gemeinde eingeladen, zu Hause das Osterevangelium zu lesen:

Am Ostersonntag wird in allen evangelischen und katholischen Kirchen um 12 Uhr mit allen Glocken geläutet. Ich lade sie alle ein, beim Hören auf die Glocken zunächst das Osterevangelium zu lesen, dass ich ihnen hier abgedruckt habe. Es wäre doch eine wahrliche Stärkung, zu wissen, dass die Botschaft von der Auferstehung zeitgleich in so vielen Häusern unserer Dörfer verkündet wird. Danach können Sie die Andacht eben zu diesem Text lesen und das Gebet.

Osterevangelium nach Markus 16,1-8:Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war, denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemanden etwas, denn sie fürchteten sich.“

Nach dem Lesen rufen wir alle aus: Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!

Andacht: Ostern – das Fest der Freude. In diesem Jahr mit dem Corona – Vorzeichen, aber Ostern ist Ostern, das wollen wir uns nicht nehmen lassen. In dem „Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden“ – da klingt noch „das darf doch nicht wahr sein“ der Frauen mit, die voller Furcht und Angst zunächst vom Felsengrab flüchten. Ja, das darf doch nicht wahr sein!! Ein eigenartiges Osterfest, wo wir nicht gemeinsam zunächst in den Kirchen und dann in den Großfamilien feiern können. Die Autobahnen sind leer, genauso die Strände an Nord- und Ostsee. Wir alle sind aufgerufen zu Hause zu bleiben, zum Schutz von uns allen. Wir denken an all die Berufsgruppen, die vor Ostern und an Ostern für die Allgemeinheit arbeiteten und arbeiten: bei der Feuerwehr, Polizei, in den Krankenhäusern die Ärztinnen und Pfleger, die Pflegedienste, die Apotheker, die Verkäuferinnen an den Kassen von Supermärkten und Tankstellen, den Landwirten, den Kraftfahrern … . Ich denke an die Politiker und Politikerinnen, die noch nie in ihrem Leben solche Entscheidungen treffen mussten, die unmittelbar solche Auswirkungen auf Leib und Leben von Millionen von Menschen haben. Da kann man das Evangelium ruhig zitieren „sie entsetzten sich“!! Das trifft doch auf uns alle zu: Osterfreude unter dem Eindruck des Entsetzens, Osterfreude bei Sprachlosigkeit, weil einfach das Gegenüber fehlt. Machtloses Kopfschütteln, weil die Zahl der Infizierten weltweit und auch bei uns so unheimlich schnell steigt. Die Sprachlosigkeit und das Kopfschütteln brauchen wir nicht überspielen. Wir brauchen uns auch wegen unserer Angst und dem Unbehagen nicht schämen. Wir können dazu stehen und auf den ältesten Osterbericht der Evangelien hören. Ich denke wir können eine große Nähe von uns zu den drei Frauen entdecken. Sie waren am Karfreitag dabei gewesen. Sie haben die Verzweiflung und den Schmerz Jesu auch bei sich selber verspürt. Auch sie hatten Angst, Todesangst bis ins Mark. Die drei sind anders als die Jünger nicht geflohen, sind bei Jesus geblieben. —- Und nun am dritten Tag morgens bei Sonnenaufgang sind die drei Frauen unterwegs. Und es stimmt: Ostern hat auch etwas mit „Osten“ zu tun. In der Stunde der Morgenröte, eben zu der Stunde, wo die Nacht zum Tag wird, wo sich dieses rosenfarbene Licht um die Welt legt, auch auf die Gräber, das zerstörte Leben, die Trümmerfelder des Alltags, da geschieht Ostern. Die Frauen wollten Jesus ein Zeichen ihrer Liebe schenken. Doch es ist, als ob ein Stein zentnerschwer auf den Herzen liegt. Sie kommen zum Grab und alles war anders als erwartet. Ein himmlischer Bote blendet sie, ihre Erfahrungen erscheinen in einem anderen, neuen Licht. Und die Angst ist wieder da, die schon die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem hatten. Sie finden keine Worte mehr. Was sie sehen und hören übersteigt ihre Erfahrungswelt. Doch zugleich werden ihre Augen und Ohren für den Blick auf die neue Wirklichkeit geöffnet. Sie erfahren: Gott zeigt einen Ausweg, wo ihre Welt am Ende schien.  ——– Ihre Begegnung im offenen Grab endet mit Zittern, Furcht, Entsetzen und Sprachlosigkeit. Doch ihre Ostergeschichte hat eine Fortsetzung, denn mit Ostern ist allem Entsetzten, aller Sprachlosigkeit ein Gegenmittel erwachsen. Sie werden die entsetzliche Geschichte den Jüngern dann doch erzählt haben. Und zusammen brechen sie nach Galiläa auf. Die drei Frauen sind uns allen sehr nah. Sie kennen die Probleme, die Beschwernisse, die das Herz und die Seele schwermachen. Ihre Flucht vom Grab ist letztlich eine Flucht in die Arme ihres Herrn Jesus Christus gewesen. Doch der Weg nach Galiläa war lang, sehr lang. Und so wissen wir, dass wir die bedrückenden Fragen unserer Tage nicht ablegen können. Sorgen, Zweifel, Angst, Erschrecken, Trauer können wir getrost als Gepäck mitnehmen, wenn wir uns entschließen, ähnlich wie die drei Frauen nach Ostern, den Weg einzuschlagen, der zur Begegnung mit dem Auferstandenen führt. Die Frauen und die Jünger wurden frei von ihrer Angst und konnten das Evangelium = die frohe Botschaft bekennen. Auch für uns ist das möglich. Ich wünsche mir, dass wir mit leichtem Herzen bekennen: DER HERR IST AUFERSTANDEN!! – Deswegen wünsche ich Ihnen ein „Frohes Osterfest 2020“!      Amen. ——— Ihr Pfarrer Matthias Bischoff

Gebet: Du Licht der Welt – wir loben dich: Halleluja! Erleuchte die Menschen deiner Kirche und mache alle zu glaubwürdigen Boten der Auferstehung. Du Trost der Welt – wir loben dich: Halleluja! Tröste die Traurigen und Ängstlichen. Schenke ihnen die österliche Freude. Du Leben der Welt – wir loben dich: Halleluja! Richte auf, die von Tod und Trauer betroffen sind. Du Brot des Lebens – wir loben dich: Halleluja! Sättige die Hungernden in Nah und Fern. Schaffe Gerechtig-keit den Armen. Du Hirte und König – wir loben dich: Halleluja! Bewege die Mächtigen. Lenke sie durch dein Wort. Du unser Friede – wir loben dich: Halleluja! Schaffe dir Raum in deiner Welt – in uns und durch uns. Du Ziel unserer Sehnsucht – wir loben dich: Halleluja! Erlöse uns, befreie uns, eine uns. Bleibe alle Tage bei uns, bis an der Welt Ende.  —- Amen.

In den anderen 11 Gemeinden, die Matthias und ich zur Zeit betreuen, in Burgdorf, Hohenassel und Nordassel, in Osterlinde, Wartjenstedt und Binder, in Rhene, Oelber a.w.Wege, Baddeckenstedt, Ringelheim und Alt Wallmoden öffneten Küster/innen oder Kirchenvorsteher/innen die Kirche ab 11.00 Uhr für ein stilles Gebet und lasen das Osterevangelium.

„Das war etwas ganz Besonderes für mich, für eine Viertelstunde in der Kirche zu sitzen, allein, die Sonne fiel durch die bunten Glasfenster, meine Gedanken schweifen zu lassen – da war so ein Gefühl von Geborgenheit …“, erzählte mir eine junge Frau aus Rhene. „Dann kam der Küster mit seiner Familie und ich habe das Osterevangelium gehört; ganz eigen und anders, aber schön und tröstlich.“

„Wir haben uns einen schönen Ort gesucht und mit den Freunden, mit denen wir zusammen wohnen haben wir uns einen Gottesdienst aus dem Stefansdom angesehen.  Am Nachmittag haben wir uns im Wald getroffen, mit unseren erwachsenen Kindern und den Enkeln und in gebührendem Abstand miteinander ein Picknick gemacht.“

„Wir haben mit den Kindern zusammen am Samstagabend ein Feuer im Feuerkorb im Garten gemacht.“

Erfahrungen an Ostern ….

Ich sehe die Osterkerze vor mir, sie ist schon etwas klein, noch vom letzten Jahr, aber sie brennt. „Ich höre noch immer Matthias´ Stimme in der dunklen Kirche: „Christus ist das Licht“ … als meine Schwiegereltern noch mobil waren, kamen sie morgens zum Osterfrühgottesdienst in die Kirche …, jetzt, mit Kontaktverbot haben wir an Ostern telefoniert.

Die Osterkerze mit der blauen Weltkugel und den goldfarbenen Kontinenten: Christus ist das Licht. Das Licht der Sonne, so still, durch die offene Kirchentür dringt Vogelgezwitscher an mein Ohr. Ich sitze in der ersten Reihe, ich habe meine Gitarre mitgenommen und das Gesangbuch mit den Akkorden. Ich möchte singen – ja – vielleicht allein in der Kirche. Matthias sitzt draußen vor der Tür, um, falls jemand kommt, auf die Abstandsregeln hinzuweisen und – auf Distanz – zum Gespräch dazusein. Frau S. kommt in die Kirche „Frohe Ostern“, sie setzt sich in die Mitte der Kirche. Stille.

Nach einer Weile blättere ich in meinem Gesangbuch „Wir wollen alle fröhlich sein, in dieser österlichen Zeit.“ Ich traue mich und fange an zu singen, Frau S. hinter mir stimmt mit ein. Stille – Gesang – Stille. Für kurze Zeit kommt ein Konfirmand dazu. Er grüßt und nach ein paar Minuten verabschiedet er sich wieder. „Danke“, sagt Frau S. und geht lächelnd hinaus.

Um kurz vor 12.00 lese ich uns das Osterevangelium, Matthias sitzt in der Mitte der Kirche rechts, links sitzt Detlev, der Mann unserer Küsterin. „Uns sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich“. Ich mache eine Pause nach diesem letzten Satz. Mein Mann nickt mir zu, Ja, der Ostergruß, „Der Herr ist auferstanden!“ ich spreche die Worte in den Raum hinein, schaue die beiden Zuhörer an. Und sie antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Ich gehe auf meinen Platz zurück, 116, sage ich, mein Mann holt für Detlev und sich Gesangbücher und wir singen das Osterlied aus Tansania.

Als wir den Weg zurück ins Pfarrhaus gehen, sagen wir zueinander:  Das war jetzt gut, das hat uns gutgetan, nach diesen Wochen.

Nun geht es in eine neue Zeit, wie sie aussehen wird, wissen wir noch nicht. Wir müssen weiter Abstand halten, auch in unseren Kirchen Abstands- und Hygieneregeln lernen und umsetzen …

und das Beten nicht vergessen: Für die Kranken und die Ärzte und Pfleger/innen bei uns und überall auf der Welt, für die, die um ihre Existenzen fürchten, für die Politiker/innen, für die Wissenschaftler/innen, für die Kinder und ihre Eltern, die Lehrer/innen, die Erzieher/innen, die Ungeduldigen und die Engagierten,  für die Trauernden und für die Sterbenden und für uns selber, dass wir jeden Tag mit seinen Freuden und seinen Herausforderungen neu leben und annehmen.

Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Sonntag heute mit dem Spruch für diese neue Woche:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1.Petrus 1,3)

Ihre Pfarrerin Christiane Coordes-Bischoff