Befreiung!

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freunde!
Zu Beginn der neuen Woche melde ich mich dieses mal. Ja, denn am Wochenende durften wir wieder Gottesdienst feiern! Das war befreiend. Hier könnt Ihr meine Auslegung der Geschichte von der doppelten Befreiung aus der Apostelgeschichte lesen.
Bleiben Sie behütet in dieser fünften Woche nach Ostern!
Ihre und Eure Pfarrerin Christiane Coordes-Bischoff in Baddeckenstedt

Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unsrem Herrn und Bruder Jesus Christus!
Amen.
Paulus und Silas werden aus dem Gefängnis befreit,
mit Gottes Hilfe öffnen sich die Türen.
Sie fliehen aber nicht, sondern der Gefängniswärter wird Christ.
Er öffnet nun die Türen seines Hauses, pflegt und bewirtet die Gefangenen.

Eine doppelte Befreiungsgeschichte lesen wir heute als Predigttext in der Apostelgeschichte, liebe Gemeinde, aber dazu später mehr.

Zunächst einmal empfinde ich heute eine große Befreiung darüber, dass wir heute – nach zwei Monaten – wieder Gottesdienst feiern können hier in unserer Kirche. Wir können zusammen kommen!
Das Coronagefängnis, das die Welt immer noch fest im Griff hat, hat sich für die Gottesdienstfeiernde Gemeinde in allen Konfessionen und Religionen in Deutschland gelockert.
Ja, wir Christen in Deutschland haben die – gerade für uns über Karfreitag und Ostern so schmerzlichen Maßnahmen – bewußt und mit Überzeugung mitgetragen. Volle Kirchen, Gemeinde- und Chorgesang, wie es bei der Konfirmation z.B. gewesen wäre, das sind ideale Brutstätten für die Viren und ihre Übertragung. Deshalb sitzen wir heute hier in angemessenem Abstand und im möglichst offenen Raum mit Luftzirkulation.

Was wir in der Apostelgeschichte lesen, klingt geradezu märchenhaft.
Die Missionare Paulus und Silas befinden sich im Gefängnis in Philippi.
In der Nacht beten sie laut und loben Gott. Die Erde bebt, die Türen des Gefängnisses öffnen sich, denn der Befreier kommt!
Wenn Gott kommt, kommen Gerechtigkeit und Freiheit –
das glauben Menschen seit Jahrtausenden
und finden immer wieder Bilder und Geschichten,
die diese Erfahrungen ausdrücken.
Erdbeben, Meeresbrausen, dass kann furchtbar sein, aber auch im Dienst der Befreiung:
„Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen … vor dem Herrn, denn er kommt den Erdkreis zu richten mit Gerechtigkeit.“, so heißt es im Psalm 98 für diesen Sonntag.
In der wunderhaften Erzählung, die uns in der Apostelgeschichte des Lukas überliefert ist, öffnen sich durch das Erdbeben nicht nur die Gefängnistüren für die Eingesperrten. Auch der Wärter des Gefängnisses wird befreit.
Ihn überfällt große Angst, er muss vermuten, dass alle Gefangenen geflohen sind. Ihn erwarten schlimme Strafen, er hat versagt, er steht unter Schock, ist blind vor Verzweiflung und sieht keinen Ausweg mehr. Er nimmt sein Schwert und will sich selbst töten.
Es ist nur ein kurzer Satz in dieser Erzählung. Der Aufseher steht vor einer Kurzschlusshandlung, wie in geistiger Umnachtung. Aber auch hier gelangt Licht in die Dunkelheit: „Tu dir nichts an, denn wir sind alle hier!“ ruft Paulus ihm zu. Nun wird Licht gemacht und der Aufseher weiß plötzlich, dass es einen Ausweg gibt aus dem Gefängnis seiner Angst:
„Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ fragt er.
Durch dieses Erlebnis aufgerüttelt, weiß der „Vollzugsbeamte“ würden wir heute sagen, dass er den falschen Herren gedient hat.
Zeit seines Berufslebens hat er blind gehorcht, er hat die Strafen vollzogen, die der Stadtrichter verhängt hat – ohne darüber nachzudenken.
Nun begegnet er Menschen, die nicht handeln wie gewöhnliche Straftäter.
Sie sehen in ihm nicht den Aufseher, der sie eingesperrt hat.
Sie fliehen nicht sobald die Tür auf ist.
Sie verfolgen nicht nur ihre eigene Freiheit.
Paulus merkt, dass da jemand in einem ganz finsteren Loch steckt.
Die Begegnung mit den Christen Paulus und Silas öffnet dem Vollzugsbeamten die Augen. Er will nun raus aus dem Gefängnis der Angst, dem Druck von Befehl und Pflichtgehorsam.
„Was muss ich tun, dass ich gerettet werde, dass ich frei werde wie ihr?“
Aber nein, der Vollzugsbeamte muss nichts tun – hier geht es nicht mehr um Tun und Ergehen, um Gehorsam und Belohnung, Versagen und Strafe.
Hier muss niemand etwas tun.
„Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ sagt ihm Paulus. Dies ist ein anderer, ein neuer Herr. Ein Herr der nichts fordert.
Dies ist jemand, der einlädt, zu vertrauen.
Denn dieser Jesus hat schon alles getan,
für diesen besonderen Gefangenen wie für uns alle, die wir uns auch immer wieder einsperren lassen in Mauern aus Angst und Druck:
Er hat eine Generalamnestie erlassen für uns. Die Befreiung aus Angst und Dunkelheit ist schon längst geschehen.

Auch diese Befreiungstat gleicht einem Erdbeben, so beschreibt es Matthäus. Jesus stirbt am Kreuz, der Vorhang im Tempel zerreißt in zwei Stücke von oben bis unten und die Erde erbebte …
Durch Christus sind wir als Getaufte, als Christen ein für alle Mal befreit – und keine Macht der Welt kann uns diese Freiheit wieder nehmen. Diese Freiheit kommt aus Gottes unbegreiflicher Liebe heraus – und deshalb, daran ist sie zu erkennen: führt sie zu Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
Mit dieser Freiheit im Herzen und in den Händen, bekommen wir Augen für das Geschenk der äußeren Freiheit, die wir haben:
Ich denke an den 8. Mai: Vor 75 Jahren wurde Deutschland befreit vom NS-Regime, von einem unmenschlichen, rassistischen System. Deutschland und die Welt wurde befreit vom Krieg, der über 60 Millionen Opfer gefordert hat.
„Das bricht uns immer noch das Herz,“ hat Bundespräsident Steinmeyer am Freitag in Berlin am Gedenkort gesagt, dort wo die von Käthe Kollwitz geschaffene Skulptur der weinenden Mutter aufgestellt ist.
„… und wir können Deutschland immer nur mit gebrochenem Herzen lieben.“ Ja, denn die Freiheit und Mitmenschlichkeit wurden in dieser Zeit mit Füßen getreten.
Der Tag der Befreiung 2020, in der Coronakrise, vielleicht kann er uns auch bewußt machen, dass wir bei aller – aus Gründen der Mitmenschlichkeit – notwendigen Einschränkungen, doch frei sind!

Was tut der befreite Gefängnisaufseher:
Er läßt sich Gottes Wort sagen, er nimmt die Gefangenen in seinem Haus auf, er reinigt ihre Wunden, die sie sich durch die harten Fesseln zugezogen haben. Er läßt sich und seine Familie taufen und dann „führte er sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“
So trägt das Vertrauen in den Weg Jesu Früchte, einfach so, ohne Angst:
Türen tun sich auf, Wunden heilen und ein neues Miteinander entsteht.
Geradezu „mütterliche“ Züge entwickelt dieser neue Christ, mütterlich frei!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen